Ich habe keine Ahnung, wer auf all diese Attribute gekommen ist, aber bisher kann ich keins davon wirklich bestaetigen. Aber der Reihe nach...
Bis Winnipeg sind es mehr als 12 Stunden Reisezeit. Allein die Flugdauer liegt bei etwa 9-10 Stunden. Hinzu kommt der Aufenthalt an den Flughaefen, die Zeit am kanadischen Zoll und im Immigration Office usw. Ich war nach dieser endlosen Reise Gott sei Dank tapfer genug um nicht direkt am Nachmittag ins Bett zu fallen, von daher haelt sich mein Jetlag einigermassen in Grenzen, erklaert aber wenigstens meine Faulheit in den ersten paar Tagen. Ich hatte immer gedacht, ich sei jemand, der sich seiner Umwelt sehr sehr schnell anpassen kann.
Allerdings muss ich mir jetzt wohl eingestehen, dass mich Winnipeg erstmal so richtig schockte, ohne dass ich es vielleicht direkt gemerkt habe. Aber als ich am Sonntag Nachmittag sozusagen zum ersten Mal in der Neighborhood umherlief, fuehlte ich mich schon sehr unbehaglich. Nicht etwa, weil es gefaehrlich waere..nein, es ist einfach alles so unglaublich riesig hier. Allein die Strassen sind so breit, die Autos so gross, einfach alles wirkt so wahnsinnig supersized, dass man sich als kleiner Europaeer, der den engen Raum gewohnt ist, natuerlich sehr hilflos fuehlt. Dabei ist die Gegend, in der ich derzeit wohne, sehr sehr nett.
Sie liegt westlich von Downtown, ca. 15-20 Minuten Fussmarsch entfernt, am Ufer des Assiniboine River, des zweiten grossen Flusses hier in Winnipeg (neben Red River). Meine Host Family lebt in einer mittelstaendischen Wohngegend (ganz Kanada ist riesig, nur die normalen Haeuser sind winzig...), aber ein paar Blocks entfernt stehen die richtig teuren Bunker. Manche Strassen werden an Sonn- und Feiertagen fuer den Verkehr gesperrt und sind dann nur fuer Radfahrer und Fussgaenger offen, was ich wirklich sehr schoen finde.
Als wir am Sonntag einen kleinen Spaziergang mit der kleinen Abby unternahmen, lernte ich auch direkt diverse kanadische (oder vll sogar generell nordamerikanische) Besonderheiten kennen: zum einen sind Garage Sales hier enorm beliebt. Ich glaube sogar, dass es das Konzept des Flohmarkts hier ueberhaupt nicht gibt... Meist findet ein Garage Sale aber nicht in der Garage statt, weil viele Haeuser hier auch nicht unbedingt eine Garage haben, sondern im Garten oder Hinterhof. Im Grunde ist es dasselbe wie ein Flohmarkt, nur meist von einer einzelnen Familie organisiert. Zufaelligerweise gab es am Sonntag einen solchen Sale, also haben wir uns den angesehen. Falls ich mal Kuechenutensilien brauche, werde ich zusehen, die auf einem Garage Sale zu bekommen, denn die Sachen sind verboten billig.
Eine weitere Besonderheit in Winnipeg sind die Sunday Evening Cruisers. Auf einer der Hauptstrassen treffen sich alle moeglichen Leute um gegenseitig ihre Autos zu bewundern oder um viel zu schnell Richtung Downtown zu heizen. Das Ganze macht natuerlich eine Menge Laerm und ist deswegen vor allem bei den Leuten in den nahen Residential Areas nicht sonderlich beliebt. Allerdings habe ich mir sagen lassen, dass die meisten Leute nur deswegen kommen, weil sie eine Menge neuer und schicker Autos am Strassenrand bewundern koennen. Manche lassen sich sogar Take-Away-Meals an den Strassenrand liefern, nur um nichts zu verpassen. Ein bisschen verrueckt ist das wohl schon...
Am Sonntag hatte ich auch meinen ersten Slurpee (oder so) in meinem Leben. Das ist im Grunde nichts anderes wie ein Slushpuppy Drink oder Plutonium (nur eben ohne den ganzen Alkohol), also Crushed Ice und jede Menge suesser Sirup in allen moeglichen Geschmacksrichtungen (gibt sogar Kaffee als Geschmacksrichtung). Ich hatte Ananas, weil ich mich noch nicht allzu wagemutig fuehlte und ich glaube, das war auch gut so, denn wirklich geschmeckt hat es nicht. Es war sehr gelb und suess, aber es schmeckte absolut nicht nach Ananas. :-D
Heute, also Montag, gab es dann meinen ersten richtigen Ausflug durch Winnipeg. Theresa fuhr mit mir zur Uni, wo ich morgen eine Einfuehrungsveranstaltung haben werde. Sie hat selbst an der UoM studiert und konnte mir daher jede Menge wichtige Gebaeude zeigen, u.a. die Sporthalle und das Schwimmbad, wo man fuer sagenhafte 80 CAD im JAHR trainieren kann. Das werde ich auf alle Faelle tun, vor allem weil es hier so unglaublich viel Suesskram gibt und selbst wenn man nicht viel davon isst, wird man sicher enorm dick davon.
Ich meldete mich noch im International Students' office und bekam mein Willkommenspaket und eine kleine Einfuehrung von einem Typen namens Mohammed, der ein wirklich gebrochenes Englisch sprach und angeblich schon seit einem Jahr hier ist. Da fuehlt man sich direkt besser, wenn man ein sein eigenes Englisch denkt. Er war aber ausgesprochen freundlich und sehr bemueht.
Ein bisschen was zur Uni: zunaechst einmal ist sie absolut ueberdimensioniert, wie alles hier. Es gibt gefuehlte 1000 Gebaeude, 1000 Cafes und Restaurants usw. Sowas wie eine Mensa gibt es hier nicht. Ich denke, dass Essen hier sehr teuer sein wird. Man hat auch, was Architektur anbelangt, meines Erachtens versucht, alte europaeische Baustile zu kopieren, um womoeglich den Anschein des Ehrwuerdigen zu erreichen. Manche Gebaeude erinnern an englische Landschloesser oder alte Universitaeten.
Nach meinem Uni-Trip machte ich einen kleinen Spaziergang nach Osbourne Village, wo ich wohl bald wohnen werde. Es gibt eine Menge Restaurants, Sushibars und alle moeglichen kleinen Laeden dort, ausserdem einen vergleichsweise kleinen Safeway Supermarkt, in den ich dann auch mal reinschnupperte. Natuerlich gibt es hier so viel mehr als in Deutschland. Allein die Obst und Gemuese Abteilung hat mich fast umgehauen. Was mich allerdings verwunderte, ist der Mangel an Drogerieartikeln, die sie hier in Kanada wohl haben. Ich war sogar im benachbarten Drugstore (von beachtlicher Groesse) und nicht mal dort gab es eine groessere Auswahl an Shampoos oder sogar Duschgels. Kurioserweise scheint man sich in Kanada nicht unbedingt mit Duschgels zu waschen, sondern wohl mehrheitlich mit Soap Bars, weil es die wirklich in rauen Mengen gibt...Und alles ist ein wenig teurer als in Deutschland.
Gegen 4 Uhr nachmittags ging ich dann zum Regierungsgebaeude der Provinz Manitoba, ein wirklich schoener und grosser Bau, der auch den Anschein des Alten und Majestaetischen zu vermitteln versucht, obwohl er ganz knapp 100 Jahre alt ist. Meine kuenftige Mitbewohnerin Rachelle arbeitet dort als Tourguide und fuehrte mich ein wenig umher. Und als die Guides zum privaten Fotoshooting gingen, wurde ich kurzerhand mitgeschleppt und durfte in den Sitzungssaal und in diverse wichtige Raeume mitkommen.
Zum Dinner gings dann raus aus der Stadt zu Jeremys Eltern. Die Familie ist sehr wohlhabend und die Eltern besitzen ein riesiges Haus direkt am Flussufer, mit einem wundervollen und riesigen Garten. Jeremys Vater zeigte mir ganz stolz ein Bild von einem Seeadler, das er auf seinem Grundstueck gemacht hatte und spaeter kamen auch noch einige Rehe auf die Wiese hinterm Haus zum Grasen. Zum Dinner kam wirklich die komplette Familie und wie alle Kanadier waren sie enorm freundlich und neugierig und gaben mir jede Menge Tipps, was ich tun koennte und wohin ich fahren sollte.
Derzeit lebt auch einer von Kanadas bekanntesten Footballspielern im Haus der Eltern in einer Art Einliegerwohnung. Ich kannte den Typen natuerlich nicht, aber er und seine Frau waren mit den beiden Soehnen auch dabei und ich hab mich sogar mit ihm unterhalten. Klar ist auch er ein netter Kerl, eh? Spricht uebrigens wundervollstes AAVE...
Also was mich nach den ersten paar Tagen wirklich umhaut, ist die absolute Gastfreundschaft der Kanadier. Man mag es auch ein wenig Oberflaechlichkeit nennen, aber fuer mich ist es momentan einfach wunderbar.
You never feel lost, you know...
Bilder gibts, sobald mein Rechner hier funktioniert!
6 Kommentare:
oh man! Das hört sich an wie im Paradies. Hast du schon einen Honigfluss und ein Milchschittenbaum gesehen oder wachsen die an Sträuchern? ;-) Wie geil!
Siggi ist neidisch, Cät ... ich hab ca. 1000 Fragen und Millionen Kommentare, mit denen ich Dich aber erstmal nicht bombadieren werde ;o)
Weißt Du, was ich am genialsten finde? Dieses Konzept mit der Welcome Family. Wenn man mit denen so ein Glück hat wie Du es zu haben scheinst, ist das ja wirklich mehr als grandios für die ersten Tage!!
So, und ehe ich gleich in so eine komische Fortbildung fahre, gehe ich mir mal noch schnell ein Headset kaufen to be able to communicate with the Cät.
Ach ja, und denk mal an mich, wenn Du schwimmen gehst ... :o)
He Julia!
Schoen, dass Du gut angekommen bist! Geniesse die Zeit und komm dann ganz schnell wieder zu uns!
Mum hat gesagt....
Ich sitze zuhause und mach mir 'nen Kopp, daß dem armen Kind in der Ferne nur Schreckliches geschieht,sehe Greyhoundbusse und lange Messer vor meinem geistigen Auge vorbei tanzen und warte auf die erlösende e-mail aus Canada. Nix is !!!
Da entsinne ich mich dumpf, daß die Cät von einem "Block" oder so gesprochen hat (mittlerweile habe ich gelernt, daß es blog heißt-muß man ja mal gesagt bekommen). Ich setze mich in vollkommener Ahnungslosigkeit vor den PC und hämmere wie wild auf der Tastatur rum. Kein PLan in der Tasche, aber vollkommen ohne Berührungsängste.
Siehe da- man glaubt es kaum - bin ich am Ziel. Niemand wundert sich mehr als ich.
Ich sauge den bis dahin geschriebenen Text in mich auf,lege mich abends beruhigt ins Bett und habe eine erholsame Nacht. So leicht ist eine Mutter zu besänftigen. GEHT DOCH!!!
hach, alles wunderbar, schön das zu lesen :)
Die Gastfreundlichkeit/Oberflächlichkeit scheint sich mit ihren positiven/weniger positiven Seiten in Kanada nicht sonderlich von jener in den USA zu unterscheiden...weiterhin viel Erfolg beim Einleben und nette Leute finden!!
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