
.... ist die Nervositaet ein wenig abgeklungen.
Von Routine kann zwar bei Weitem nicht die Rede sein, aber mittlerweile kenne ich mich hier schon ein wenig besser aus, weiss, welche Busse ich nehmen muss und wann ich wo aussteigen muss usw. Und heute ist auch der Tag, an dem ich endlich in meine WG hier in Winnipeg ziehen werde. Es wird zwar erst heute Abend relativ spaet soweit sein, aber immerhin schlafe ich dann ab heute Abend dort, wo ich auch den Rest meines Aufenthalts hier verbringen werde.
In den folgenden Abschnitten werde ich versuchen, die letzten Tage zusammenzufassen.
1. Orientation Day und Star Lake Trip
Das International Student Office der UoM bietet eine Menge Orientierungsprogramm an, darunter auch ein Orientierungstag, an dem meines Erachtens zu viel geredet und zu wenig agiert wurde. Ebenso findet jedes Jahr der sog. Star Lake Trip statt, ein Tagesausflug zu einem See in den kanadischen Waeldern, wo sich die neuen Internationals kennenlernen koennen.
Mit zwei Bussen voller Leute aus den unterschiedlichsten Laendern gings dann letzten Freitag ab in die kanadische Wildnis. Rueckblickend kommt mir der Ausflug wie ein Tag im Schullandheim oder auf einer Kinderfreizeit vor. Das soll nicht heissen, dass es keinen Spass gemacht hat, immerhin waren wir wandern (und ich konnte dabei feststellen, dass kanadische Waelder ganz anders sind als deutsche Waelder, weniger dicht und viel niedriger) und haben Kanufahren ausprobiert, was wesentlich wackeliger und "schwieriger" ist als ich dachte.
Das Ganze nenne ich massive socializing, denn ab dem Tag entscheidet sich schon quasi, mit wem man irgendwie mehr Zeit verbringen will und ein Grueppchen formiert.
Fuer mich wird das Ganze recht schwierig werden, schaetze ich. Nicht, weil ich mich fuer einen unsozialisierten oder unsozialisierbaren Menschen halte, sondern weil ich erstens nicht in einem Campus-Wohnheim wohne (und es auch eigentlich gar nicht will) und weil ich zweitens das vergangene Wochenende nicht in Winnipeg war, um mit den gefuehlten Hundertschaften der Internationals staendig Party zu machen.
Stattdessen war ich mit meiner Welcome Family auf einem kleinen Abschiedswochenende an einem anderen See ca. 2 Stunden Autofahrt von Winnipeg entfernt (oestliche Richtung). Die Eltern von Jeremy besitzen eine sog. Cabin, eine Blockhuette mit Aussenklo und Aussendusche, in der wir das lange Wochenende mit etwa 10 Leuten verbracht haben. Geschlafen wurde, wo Platz war, es gab Bootsfahrten, Spaziergaenge, viel zu viel Essen und Lagerfeuer.
Zeit, die Gedanken zu sortieren und mal so richtig abzuschalten.
Und sich ein paar neue Gedanken ueber die Mentalitaet der Kanadier zu machen.
Es ist fuer mich sehr schwierig, damit klarzukommen, dass Kanadier, so wie ich sie kennengelernt habe, keinen Plan von Umweltschutz haben. Es gibt viele Familien, die Blockhuetten besitzen und ich kann auch verstehen, dass die kanadischen Moskitos nicht die angenehmsten Zeitgenossen sind. Allerdings kann ich nicht verstehen, dass man beim Anblick simpler Fruchtfliegen, Ameisen oder normaler Fliegen, wie sie eben in freier Natur vorkommen, direkt das Superpestizid aus dem Schrank holt und wild um sich sprueht.
Meine Vesuche zu erklaeren, wieso der Schwarm an roten Ameisen ploetzlich auf der Terasse auftauchte, war vergebens, weil mir niemand in dem Moment zuhoeren konnte. Es gab ein grosses Geschrei und ratlose Gesichter und jede Menge Insektenvernichtungsspray. Das wars dann mit den Ameisen erstmal. Keine Zeit fuer Erklaerungen.
Es ist schon irgendwie schade: da haben sie in Kanada eine so schoene Natur und den Leuten ist es kein Stueck bewusst, dass sie mit ihrem Lebensstil ziemlich viel davon kaputt machen. Vielleicht ist es ganz gut fuer das Land, dass es so duenn besiedelt ist.
Abgesehen von dieser wirklich stoerenden Sache war ich aber ein weiteres Mal verbluefft von dem starken und kollegialen Familienleben, das zumindest meine Gastfamilie aufrecht erhaelt, und von ihrer Religiositaet, die ihnen offenbar die Kraft gibt, ein durch und durch positives Leben im Einklang mit sich und ihren Mitmenschen zu fuehren. Die meisten Menschen hier sind Mennoniten, die beiden groessten Mennonitengemeinden Kanadas haben in Winnipeg ihren Sitz. Allerdings gaben bisher alle, die ich nach ihrem mennonitischen Glauben fragte, an, dass sie einen mennonitischen Hintergrund haetten und nicht etwa Mennoniten seien. Was auch immer das heissen mag.
Was mich auch verbluefft, ist die Einstellung, die die meisten Kanadier, die ich hier kennengelernt habe, zu ihren Beziehungspartnern haben. Zwei junge Paare waren mit in der Cabin und ich weiss von diesen Leuten, dass sie jeweils ca. 4 Monate zusammen sind. Trotzdem wurde ich merkwuerdig angeschaut, als ich das eine Paar fragte, ob sie nicht lieber zusammen in einem Schlafzimmer schlafen wollten, weil ich die Geschlechtertrennung so komisch fand und Angst hatte, dass man das nur wegen mir machen wuerde. Es hiess dann nur hinter vorgehaltener Hand, dass man ja noch nicht so weit sei, wie ich denke.. Und ich dachte nur: Wow, nach 4 Monaten! Habe dann auch herausgefunden, dass es wohl nicht ueblich ist, beieinander zu uebernachten oder so. Viel Public Display of Affection gab es auch nicht, nicht mal ein Kuesschen oder so.
Also ganz ehrlich: da war ich wirklich sehr verbluefft!
Gestern, als ich noch keinen halben Tag vom See zurueck war, gings dann auf eine von Millionen Parties, die zu Anfang des Semesters natuerlich steigen. Und obwohl es nciht meine Musik war und ich mich auch underdressed und verschwitzt fuehlte, muss ich zugeben, dass schnoedes Feiern manchmal wirklich viel Spass macht!
Ein kleiner Wehmutstropfen bleibt jedoch: die meisten der Internationals kennen sich schon viel besser, weil sie jeden Tag stundenlang Zeit miteinander verbringen. Ich bin mir dessen bewusst, dass das fuer mich nicht so sein wird. Ich hoffe, ich werde wenigstens ein paar Leute finden, mit denen ich ab und an einfach rumhaengen kann. Noch sieht alles gut aus, aber man muss den Leuten natuerlich nachlaufen wie bescheuert, um nicht vergessen zu werden. Das ist normal fuer off campus living. Und ich versuche, es locker zu nehmen. Trotzdem will man natuerlich niemandem auf den Wecker gehen, indem man staendig ueber Facebook anfragt, was denn so geht. Abwarten, bis sich das Ganze eingependelt hat.
Und bevor ich jetzt noch mehr schreibe, muss ich mal meine 7 Sachen packen, damit auch ja alles mit meinem Umzug heute klappt. Den naechsten Eintrag gibts dann von meiner neuen Bleibe und hoffentlich von meinem eigenen Laptop aus. Mit Bildern!
1 Kommentar:
hey toll von deinen abenteuern in kanada zu hören.ich hab mich hier jetz auch ma angemeldet um bei dir und jule ein bisschen zu kommentieren...
freu mich auf news
bis denn dann
gru? AnDi
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