Donnerstag, 9. Oktober 2008

Let's face it!

Viele Leute gehen sicher davon aus, dass ich hier täglich Millionen andersartiger Dinge erlebe. Dem ist nicht so. Mein Leben hier ist mittlerweile, nach nicht einmal zwei Monaten, sehr routiniert geworden. Was nicht heißen soll, dass es langweilig ist. Die Uni nimmt allerdings einen wirklich großen Teil meines Alltags in Beschlag. Aber da ich primär hier bin, um zu studieren, ist das nicht weiter schlimm. Ich habe bisher nicht das Gefühl gehabt, dass mir sonderlich viel entgeht, wenn ich nicht jeden Tag irgendwas spektakuläres tue (wie z.B. Bungeejumping vor einem Wasserfall, Deer-Hunting, House-Climbing oder sonstiges..). Ein Wehmutstropfen bleibt dennoch: ich hätte den Isländischkurs belegen sollen, so ein Mist! Und leider gibt es keine Theatergruppe, der ich mich für die Zeit hier hätte anschließen können. Schade!
Aber das ist nicht Sinn und Zweck meines Berichts. Mir sind noch einige Dinge eingefallen, die es sich über Winnipeg und Kanada zu erzählen lohnt. Das meiste ist recht trivial (, d.h. von nicht sehr großer historischer Signifikanz), aber deswegen nicht weniger interessant:
  1. Kultur in Winnipeg: Wer von euch weiß wirklich was über Winnipeg, bzw. wusste schon vorher (also bevor ich dorthin ging), welche Besonderheiten Winnipeg hat? Nun, Winnipeg ist eine von drei oder vier größeren Städten in den Prärieprovinzen. Zwei andere größere Städte sind Edmonton und Calgary, wobei Calgary wohl wirklich fast schon eine Metropole sein soll. Im Vergleich zu Edmonton und Calgary ist Winnipeg aber das kulturelle Zentrum der Prärien. In den beiden anderen Städten ist der wirtschaftliche Zweig der größere und viele Winnipegger betrachten die Anzugträger und Moneymaker dort argwöhnisch. In Downtown Winnipeg gibt es unzählige Galerien und contemporary art wird an jeder Ecke bezuschusst und gefördert. Ständig gibt es neue Ausstellungen und Shows und fast jeder, den ich hier kennengelernt habe, geht regelmäßig zu den verschiedensten Ausstellungen, Konzerten oder in die alternativen Kinos um sich kontroverse Dokus oder sonstiges anzusehen. Auch die Musikszene ist hier sehr lebendig. Vor allem Folkrock und moderne Varianten des Countryrock gibt es hier an jeder Ecke, gespielt von Musikern jeden Alters.
  2. Multi-Kulti in Winnipeg: Winnipeg steht hier sicher sinnbildlich für ganz Kanada. Ein Beispiel: Meine Mitbewohnerin Rachelle gehört zu der zweitgrößten frankokanadischen Gruppe Kanadas. In Quebec leben rund 90% der Frankokanadier, aber die restlichen 10% leben überwiegend in Manitoba. Meine andere Mitbewohnerin Ela ist nur eine von vielen, die den Schritt zur Einwanderung nach Kanada gegangen ist. Neulich habe ich ein Mädel kennengelernt, die letzten Mai nach Winnipeg auswanderte und bei Kabel 1 ihre Geschichte zu Geld gemacht hat. Die Mädels aus der WG über uns sind polnischer Herkunft, der Freund einer der drei Mädels ist Halb-Ire und ein guter Bekannter von ihr hat einen deutschen Vater und eine philippinische Mutter. Der Vater von Jeremy (bei dem ich wohnte) ist halb-deutscher, halb-russischer Herkunft und lernte noch Niederdeutsch (die "Mennoniten-Sprache", das kann fast jeder hier) und diese Liste ließe sich noch ewig fortsetzen. Achja: David Arnasons Wurzeln liegen in Island. Am Lake Winnipeg gibt es die größte isländische Volksgruppe außerhalb Islands. Die Stadt Gimli und die Insel Hecla werden z.B. überwiegend von Isländern bewohnt.
  3. Frühstück in Winnipeg: Das typisch kanadische Frühstück besteht aus den sog. Hashbrowns, das sind knusprig gebratene Kartoffelecken oder -würfel, Cereals, zu starkem Kaffee (!!!) und Pancakes mit Sirup. Wobei der Maple Syrup zumindest für mich noch ein echter Mythos ist. Er ist nämlich nicht halb so verbreitet wie man in Europa vielleicht denken mag. Der Grund ist einfach, dass echter Maple Syrup wahnsinnig teuer ist und deswegen entweder der Syrup gekauft wird, der künstliches Maple Syrup Aroma enthält oder der Syrup, der nach warmer, geschmolzener Butter schmeckt. Ich hatte bisher nur drei Mal ein solches Frühstück, weil es einfach zu aufwändig ist. Aber schmecken tut es trotzdem! Und wie!!
  4. Kaffee in Winnipeg: Es gibt zig Starbucks, diverse Second Cup Coffeestores und viele andere Läden, die Kaffee verkaufen. Aber keiner ist so mies und gleichzeitig so beliebt wie Tim Hortons. Der mit Abstand schlechteste Kaffee, den ich bisher trinken musste, wird hier so gerne getrunken, dass morgens früh die Straßen von den Autoschlangen vorm Drive Thru der Tim Hortons Läden regelrecht blockiert werden. Irgendjemand erzählte mir einmal, dass gewisse süchtig machende Stoffe in diesem Kaffee seien. Ich will es gerne glauben, denn wie ist sonst zu erklären, dass man sich die zähe, pechschwarze, völlig eingekochte Brühe in 0,5 L Bechern jeden Morgen reinziehen kann?
  5. Eichmaße in Winnipeg: In Deutschland gibt es Standardmaße für Flaschen: 0,33 L, 0,5 L, 1 L, 2 L. In Kanada gibt es alles! Es gibt eine mehr oder weniger populäre Größe bei Flaschen, aber man findet alles, was man in Flaschen abfüllen kann, in Flaschen jeder Größe zwischen 0,33 und 4L. Der Eistee, den ich heute Abend bei Starbucks trank, kam z.B. in einer 408 mL Flasche...
  6. Tiere in Winnipeg 1: Für die Kanada Gans ist die Zeit des Aufbruchs gekommen. In massiven Ansammlungen findet man diese imposanten Vögel derzeit auf jeder freien Grünfläche in Winnipeg. Bald werden sie in Schwärmen gen Süden ziehen. Außerhalb Winnipegs gibt es sogar eine Aussichtshalle für Naturinteressierte, die direkt an einem Großsammelplatz der Kanada-Gänse liegt.
  7. Tiere in Winnipeg 2: Im Gegensatz zu dem roten Eichhörnchen, wie man es in Deutschland kennt, gibt es hier noch die größere Variante: das graue Eichhörnchen (Squirrel). Sie sind nicht ganz so scheu wie die roten und hier in der Nachbarschaft wimmelt es geradezu von ihnen. Mir wurde sogar erzählt, dass die Mädels in der WG eines Nachts Besuch von einem Squirrel bekamen. Wir haben dafür nur unzählige Spinnen, die hoffentlich bald in der Kälte draußen erfrieren und nicht mehr zu uns hereingekrabbelt kommen.
So, das wars vorerst zum wissenswerten Teil über Winnipeg. Die nächste Lektion gibts dann kommende Woche, wenn die Wahlen stattgefunden haben. :-)

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Hmja, geh mal davon aus, dass die Spinnen erst recht zu besuch kommen, wenn es draußen kalt wird - bei euch frieren sie dann wenigstens nicht ;)

Was die Eichmaße angeht: Was steht denn noch drauf, außer ml? Vielleicht noch oz.?