Donnerstag, 4. September 2008

Das Leben in Winnipeg

Gestern Nachmittag wurde ich im Bus von einer Passantin gefragt, was mich denn ausgerechnet nach Winnipeg verschlagen habe, es gebe doch so viele andere Städte in Kanada, die so viel mehr zu bieten hätten.
Aber was hat denn Winnipeg eigentlich zu bieten? Was hat es mit der Stadt als solche denn nun auf sich?

Winnipeg und seine Provinz

Winnipeg liegt im Süden der Provinz Manitoba. Ich muss bei Gelegenheit nochmal genauer nachschlagen, was Manitoba heißt, bzw. ob Wikipedia recht hat, denn dort steht, dass Manitoba aus der Sprache der Cree kommt und soviel bedeutet wie "Der Engpass des Großen Geistes". Die Cree gehören übrigens zu den sog. First Nations und waren/sind vor allem in den Prärien Kanadas beheimatet.
Manitoba ist die östlichste der drei Prärieprovinzen (neben Saskatchewan und Alberta). Man hört oft, dass die Prärien landschaftlich nicht allzuviel hergeben, nur Ackerland und endlose Weiten. Bisher habe ich allerdings wesentlich mehr Bäume gesehen, als ich hier jemals erwartet hätte. Und absolut flach ist das Land auch nicht, eher ein sanft hügelig. Es gibt eine Menge Seen und Wälder, an denen wohlhabende Kanadier ihre Wochenendhütten oder -häuser besitzen. Richtige Dörfer oder Kleinstädte habe ich bisher aber noch nicht gesehen. Muss aber dazu sagen, dass ich mich auch nur etwa 2 Stunden östlich und westlich von Winnipeg bisher bewegt habe.
Die Geschichte der Besiedlung Manitobas durch die Europäer reicht nicht sonderlich weit zurück, klar. Anfang des 17. Jh kamen die ersten Engländer hierher und errichteten einen Außenposten der Hudson's Bay Company (der Name dürfte wohl den meisten bekannt sein, die sich mal mit Kanada und dem Pelzhandel beschäftigt haben).
Irgendwann im 17. Jh zog es dann Gruppen von Métis (was das für Menschen sind, erkläre ich später) an die Mündung von Red River und Assiniboine River (die Mündung heißt heute The Forks und ist ein kleiner Entertainmentpark in Downtown Winnipeg). Sie errichteten Fort Rouge, aus dem später Winnipeg hervorging.
Und wie immer, wenn frankophone und anglophone Menschen irgendwo zusammenleben sollen, gab es natürlich jede Menge Auseinandersetzungen. Eine Menge Politik war nötig, um das Zusammenleben und den Handel für alle am Red River angesiedelten Volksstämme zu regeln, zwischenzeitlich wurde auch der Vorläufer des heutigen Kanada, das/die Canadian Dominion, gegründet und Manitoba gegen Ende des 19. Jh zur Provinz ernannt. Bis 1912 (und das finde ich bemerkenswert, da wirklich noch gar nicht lange her) dauerte die Ausdehnung der Provinz auf ihre heutige Größe.

Winnipeg

Wie schon erwähnt, entstand Winnipeg aus Fort Rouge und der späteren Red River Colony. Der Name der Stadt leitet sich aus einem indianischen Wort ab und bedeutet soviel wie "schlammiges Wasser" (win = schlammig, nipee = Wasser). Der Name kommt zum einen vom "benachbarten" Winnipegsee im Norden der Provinz (ich habe mal gelesen, dass der 49 Mal größer als der Bodensee ist..) und zum anderen wohl auch von der Lage der Stadt im Überschwemmungsgebiet der beiden Flüsse. Um die Stadt vor Überschwemmungen zu schützen, gibt es sog. Floodways, also Flussumleitungen im Falle eines Hochwassers.
Es gibt einige Bars, die "muddy waters" in ihrem Namen verwurschtelt haben, was ich ganz witzig finde. Außerdem, wenn man sich den Assiniboine River genauer anschaut, findet man ganz wundervoll illustriert, was mit dem schlammigen (weil verschmutzten) Gewässer gemeint ist.
Winnipeg trägt übrgens den Beinamen "Chicago des Nordens", weil es im Bankendistrikt immer noch einige Häuser gibt, die an das Chicago der 30er Jahre erinnern.

Métis

Zur Volksgruppe der Métis gehört man dann, wenn die "frühen" Vorfahren aus einer Verbindung französischer Händler (müssen wohl nicht unbedingt Pelzhändler gewesen sein *g*) und First Nations Frauen entstanden sind. Das Ganze ist zwar schon eine Weile her, aber man kann noch heute ein Status-Métis sein, d.h. ein anerkannter Angehöriger dieser Volksgruppe. Man bekommt dann einen speziellen Pass oder Ausweis und genießt diverse Privilegien in der Gesundheitsvorsorge und in anderen Bereichen. Aber soweit ich das mitbekommen habe, sind nicht alle Métis anerkannte Métis. Was man allerdings tun muss, um anerkannt zu werden, müsste ich nochmal genauer in Erfahrung bringen.
Die Vorteile genießen die Angehörigen der Métis auch aus dem Grund, weil Kanada ein wenig Wiedergutmachungsarbeit betreibt. Man arbeitet quasi das Erbe der Vorfahren ab, die viele Indianerstämme oft auf brutale Weise ausgelöscht, enteignet oder unterdrückt haben. Die Geschichte der indigenen Bevölkerung Kanadas ist hoch interessant, würde aber hier echt den Rahmen sprengen...
Der berühmteste Métis in wahrscheinlich ganz Kanada war Louis Riel. Er gehörte zu den Siedlern am Red River und war einer der Anführer der sog. Red River Rebellion, in der die Métis ihre Forderung nach einer autonomen Provinz Manitoba im 19. Jh durchsetzen wollten. Riel selbst starb bei diesem Aufstand und wird heute als einer der Väter der Provinz verehrt. Es gibt auch einen Feiertag zu seinen Ehren.

Ein paar Zahlen und Fakten:
  • Manitoba ist mit mehr als 600.000 Quadratkilometern doppelt so groß wie die BRD, hat aber nur knapp 1.150.000 Einwohner... Versucht euch das mal einfach bildlich vorzustellen als Deutsche. Viele Landstriche hier sind angeblich gänzlich unberührt geblieben!
  • Winnipeg ist mit etwa 700.000 Einwohnern die größte Stadt der Provinz und auch seine Hauptstadt. Meine Mitbewohnerin arbeitet ganz zufällig im Regierungsgebäude, das nur ein paar Gehminuten von unserer Wohnung entfernt liegt.
So, das solls mal an dieser Stelle gewesen sein. Zu viele Fakten erschrecken Blogleser und ich will ja niemanden langweilen.
Demnächst gibts dann wieder mehr "zeitnahes", z.B. Universitätsleben, Life in Winnipeg, Benimm Dich in Winnipeg usw.

Ich werde meinen Tag mit einem Frisörbesuch beschließen und hoffen, dass es keine sprachlichen Hindernisse geben wird.

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