Sonntag, 7. September 2008

Von BBQ, Bars, Kaffee und Kellerkindern

Das Wochenende neigt sich seinem Ende zu, der Herbst schleicht sich mit diversen Regenschauern und mächtig kühlem Wind an die Stadt heran und ich sitze gerade genau hier:

Das ist das Haus, in dem ich bis Mai kommenden Jahres meine Zelte aufgeschlagen habe. Dem femininen Nestbautrieb folgend, habe ich heute auch endlich mal die paar Postkarten, die ich besitze, an die Zimmerwand gehängt, damit es nicht mehr ganz so deprimierend kahl aussieht in meinem kleinen Kellerzimmerchen. Ab kommender Woche wird im Haus sicher wieder mehr los sein, denn dann ist die dritte im Bunde wieder aus Deutschland zurück und vielleicht lerne ich dann auch mal den Rest der Mädels eine Etage höher kennen.
Achja: ich babysitte dieses Wochenende die beiden Wellensittiche von Rachelle und hab ehrlich gesagt keine Ahnung, was ich mit ihnen anstellen soll. Würde sie gerne fliegen lassen, aber ich weiß, dass ich sie niemals wieder einfangen werde können...

Wie ihr an der Überschrift sicher erkennen könnt, gibt es mehr zu berichten als Wellensittich-Sitting. Immerhin war Wochenende und immerhin hat das Semester an der UoM begonnen.
Zunächst fand ich am Donnerstag Abend eine Friseurin, die sich traute, mir all meine Haare abzuschneiden und mich zu einem neuen Menschen zu machen - rein optisch, versteht sich! Das Ganze inklusive Massage und Ökostylingprodukten, Entspannungsmusik und Aromatherapie. Und vor allem: alles günstiger als in Deutschland!

Dafür begann dann mein Semesterstart mit einem finanziellen Kraftakt: 520 Euro Tuition Fees (wobei ich ja dachte, dass die Uni Trier alle Fees zahlt...), inkl. Krankenversicherung und der üblichen Verwaltungsabgabe, dann 37 Euro für das Busticket für September, dann 65 Euro für zwei Bücher für ein Politikseminar, dann weitere 21 Euro für zwei Romane, weitere 7 muss ich kaufen, nächste Woche werde ich mich dann noch für 57 Euro im Fitnessstudio anmelden, wobei das vergleichsweise günstig ist, da die Karte für ein komplettes Jahr gilt.
Achja: morgen werde ich auch meiner Mitbewohnerin die Septembermiete von 200 Euro geben.
Und ich sollte langsam anfangen, all meine Kreditkartenzahlungen aufzuschreiben, damit ich nicht am Ende des Monats einen Schock bekomme. Mir ist lieber, wenn das Geld direkt vom Konto verschwindet..Aber gut, Umgewöhnung muss sein und sollte vor allem kein Problem sein!

Der Dozent, der mich 10 Romane für sein Literaturseminar kaufen lässt, ist kein geringerer als Dennis Cooley, seines Zeichens Schriftsteller und Präriepoet, der im Oktober nach Trier kommt um dort aus seinem neuen Buch vorzulesen. Ich rate jedem, dorthin zu gehen; es ist eine wahre Freude, ihm zuzuhören. Gleich zur Einführung las er uns den Seed Catalogue von Robert Kroetsch vor, ein 25minütiges Langgedicht, das ich während eines Seminars in Trier bereits analysiert hatte. Ich fands witzig, was der Rest des Kurses am Freitag davon hielt, kann ich nicht sagen, viele Leute lasen oder tippten auf ihrem Handy rum. Wie in Deutschland auch...
Noch witziger fand ich dann allerdings die Tatsache, dass Dennis mich anschließend in sein Büro bat, mir einen Kaffee gab und mich Robert Kroetsch persönlich vorstellte. Wow! Ich hatte ja insgeheim gehofft, ihn auch mal persönlich zu treffen, aber dass das dann so schnell ging, hätte ich nicht gedacht. Mir hat das Treffen viel Spaß gemacht und ich denke, ich werde mich in dem Flur, in dem die Herren alle ihre Büros haben, sehr wohlfühlen und sicher ab und zu mal vorbeischauen.

Freitag Abend traf ich dann Hughie, der einer der besten Freunde meiner Mitbewohnerin ist und sich "erbarmte", mir ein wenig die Innenstadt zu zeigen. Viele Winnipegger gehen nicht unbedingt gerne in den Exchange District (Downtown), weil es dort vor allem abends von merkwürdigen Gestalten nur so wimmelt. Aber wenn man nicht alleine unterwegs ist, wird man auch nicht angegraben oder verfolgt. Downtown gibt es genau die Cafés und Bars und Geschäfte, die ich bisher vergeblich gesucht habe: alternative Künstlerkolonien, linke Kneipen und Cafés, Coffeeshops, die mich an die deutschen Cafés erinnern, die ich so mag, Second Hand Läden, Gallerien, Kinos, Theater, Konzerthallen usw. Kulturell bebt diese Stadt!!
Und auch wenn die meisten Winnipegger ihre Innenstadt so gut es geht meiden, lassen sich doch vor allem frisch Vermählte gerne in den Straßen Downtowns ablichten, weil die alten Häuserfassaden eine wundervolle Kulisse bieten. Ich finds nicht sonderlich autentisch, wenn man sonst nie Downtown ist, ausgerechnet die Hochzeitsfotos dort zu machen, aber gut, am Wochenende habe ich mindestens 10 solcher Veranstaltungen durch die verschiedenen Straßen hetzen sehen.

Gut, Samstag Abend gings dann weiter Richtung Red River und dem dortigen Freizeitpark The Forks (wo der Red River und der Assiniboine River zusammenfließen), wo zufälligerweise gerade das 20jährige Jubiläum desselben gefeiert wurde. Für uns hieß das soviel wie: ein kostenloses Livekonzert einer Band aus Winnipeg, die in letzter Zeit einige Preise gewonnen hat. Nathan heißt die Band, sie spielen eine Richtung, die ich Post-Country nennen würde. Mir hats gefallen und ich werde mir wohl auch bei Gelegenheit eine CD zulegen.
Nach dem Konzert gings dann auf eine private Party und danach zum Abschluss noch in eine Bar bei mir ums Eck, wo auch Country der anderen Art gespielt und dazu auf den Tischen getanzt und mächtig geflirtet wurde (Kanadier sind da wohl sehr viel beherzter als Deutsche..). Und weil hier alle Läden gegen 2 Uhr dicht machen, versackten wir zum Schluss noch im Tattooladen nebenan, wo wir uns mit ei
nem Typen namens Zion über Hygiene und Körperschmuck unterhielten. Gegen halb vier lag ich dann im Bett.
Ein wundervoller Abend!
Samstag erkundete ich dann tagsüber das umfangreiche Röhren- und Tunnelsystem Winnipegs, damit ich bei -40 Grad im Winter nicht nach draußen muss und trotzdem in der Stadt umherlaufen kann. Leider gibt es das in meinem Viertel nicht..

Tja, und heute war ich dann zur Football-BBQ-Party bei meiner ehem. Gastfamilie eingeladen. Hatte zwar keine Karten fürs Spiel, aber immerhin ein fettiges, ungesundes, aber sehr sehr leckeres Mittagessen. Es gab Burger, ein bisschen Salat, Sodapops, Chips, Würstchen, Brownies, jede Menge Ketchup und weiche Hamburgerbuns. Ich weiß nicht, wie sie hier die Frikadellen grillen, aber sie sind doppelt so gut wie alle Frikadellen, die ich in Deutschland jemals gegessen habe!

Mein Fazit nach Woche zwei in ein paar harten Fakten:
  • Gewichtsverlust: geschätzte zweieinhalb Kilo
  • Haarverlust: geschätzte 80%
  • Geldverlust: will ich überhaupt nicht wissen
  • Von mir erlegte Kellerspinnen: 4
  • Von mir gemachte Pläne, welche kulturellen Angebote ich mir nicht entgehen lassen darf: geschätzte 100
  • Von mir gefütterte Vögel: 2

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

falls du irgendwann margaret atwood triffst, dann musst du mir unbedingt eine widmung von ihr besorgen ;)

p.s.: mehr haar-fotos!